Wolfgang Melzer

Rednerladen

Aus meinen Sudelbüchern
Beobachtungen, Betrachtungen, Einfälle, wie sie gerade anfallen.


03. Mai 2015, 08:01

Wortkunst am Bau

Dieser Tage stand ich auf dem Dresdener Postplatz herum und wartete auf einen Bekannten. Der Platz war, seit ich ihn kenne, noch nie anheimelnd, eher ein Knotenpunkt für Übergänge aller Art, hauptsächlich aber zwischen Straßen-bahnen. Gegenüber früher hat sich viel verändert. Jetzt hat der Platz eine antiseptische Ausstrahlung, so aufgeräumt liegt er da. Wer da ging und stand, wirkte verloren in dieser ausfransenden Weite. Es fühlte sich an wie eine dieser Architektur-Visualisierungen, die (fast) alle zu einer Lichtführung a la Edward Hopper tendieren. Die schöne klinische Welt dieser Visualisierungen, hier war sie Wirklichkeit geworden. Und ich streifte wie mein eigener Avatar über einen virtuellen Platz. Es brauchte eine Weile, bis ich begriff, woher diese Empfindung kommen mochte: Vor mir – an der Westseite des Platzes – erhob sich eine Art Klötzchen-Architektur in groß. Solche Klötzchen kenne ich noch von alten Simulationsprogrammen, die auf allzu ausgefeilte Texturen und Details verzichten mussten. So etwa stand jetzt vor mir – als echter Bau.

Ein Blick auf den First der Gebäude verstärkte das Gefühl, in einer Simulation zu stehen. Die Häuser sind beschriftet!!!
Und wie!
Poetisch!
Der Planer mag gedacht haben: Na gut, das ist jetzt Klötzchen-Architektur und reine Funktion, aber wir wollen ja auch Schönheit und Sinn anbieten. Denn wir wissen, der moderne Mensch lechzt danach.
Und wie kriege ich Tiefsinn in jede Tonne? fragte er sich mit gefurchter Stirn.
Dann der Heureka-Ruf: Mit Philosophie und Poesie, ha!
Ein Dichter war vermutlich schnell gefunden, vielleicht wurde auch ein Wett-
bewerb ausgelobt. Bald darauf wurden Buchstaben geschweißt und auf die Dächer gestellt. Seitdem haben die Häuser eine Botschaft bzw. Botschaften. Diese kommen aus dem Baukasten der Feel-Good-Poesie. Es handelt sich um Einzeiler, und zwar um Einzeiler mit einem Irritationspotential von Null. Jeder versteht sie, alle nicken. Sie sind für sich genommen genau so banal wie die Häuser, auf denen sie stehen.
Der Avatar, der ich war, fragte sich: Wer braucht das?
Häuserbeschriftung hat mit Wortkunst so viel zu tun, wie Fahrstuhlbeschallung mit Tonkunst.
Bringt ein langweiliger Text auf langweiligen Häusern wirklich Schönheit und Tiefsinn in die Welt?
Oder stehen wir womöglich vor einem ganz ausgefixten Cross-Over-Projekt?
Entscheiden Sie selbst!

PS
Für alle, die die Texte auf dem Bild nicht erkennen können, hier die Auflösung:
"Ein Leben ohne Freude ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus."
"Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende."

Hier gibt es das Bild dazu:

Postplatz in Dresden.jpg

Redakteur

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13. Februar 2015, 11:07

Über das Streiten und die Demokratie

Vor wenigen Tagen fügten sich für mich drei zum Teil weit auseinander liegende Erlebnisse zusammen und steckten mir ein Licht auf.

Das erste Ereignis liegt rund fünfzig Jahre zurück. Ich war damals knappe vierzehn und ein Mitschüler verriet mir aus heiterem Himmel, ein gefürchteter Bandenchef aus der Parallelklasse hätte gesagt, er wolle mir einen Abreibung verpassen. Das Einzige, was mich mit diesem Jungen verband war der Umstand, dass wir bis zur dritten Klasse im selben Haus gewohnt hatten. Ich im zweiten Stock und er im Erdgeschoss. Seine Familie war dann weggezogen und seitdem hatten wir keinen nennenswerten Kontakt mehr gehabt. Mir war ein Rätsel, weshalb ich verprügelt werden sollte. Trotzdem oder vielleicht auch deshalb hatte ich natürlich Angst, denn der Junge war mir körperlich überlegen. Hinzu kam: Ich konnte nicht vorhersehen, wann und wo es passieren würde, wann und wo er mich zum Kampf stellen würde. Wochenlang ging ich den Schulweg nicht allein und änderte die Route, je nach empfundener Bedrohungslage. Immer mit der Frage im Kopf: Warum nur? War ich sein Feind? Es blieb mir unerklärlich.
Wie die Sache ausging, ist unerheblich. Erheblicher für das Verständnis der Geschichte erscheint mir heute, dass ich damals ein sehr guter Schüler war, dem das Lernen zufiel. Er dagegen hatte sich für einen Weg entschieden, auf dem gute Schulnoten eher ein Makel waren. Gute Noten hatten aus dieser Sicht Muttersöhnchen und Spinner. Richtige Kerle machten den Lehrern das Leben schwer, hatten Probleme mit den Hausaufgaben und bei Leistungskontrollen, kannten sich im Leben aus. Und Leben fand auf der Straße statt. Da galt das Gesetz des Stärkeren und nicht das des Klügeren.

Das zweite Erlebnis ist viel jünger. Es ist die Beobachtung, dass die Sprecherin der Pegida-Bewegung in Dresden offensichtlich der Auffassung war, Widerspruch und Gegenrede seien eine Beschneidung ihrer Meinungsfreiheit und deshalb unzulässig. (vgl. Redekritik). Ihre Rede zeigte auch, dass sie irgendwelchen Einsprüchen außer Trotz nichts entgegenzusetzen wusste.

Der dritte Anstoß kam dann aus Gesprächen und Diskussionen der letzten Wochen. Wieder sind die Inhalte nicht relevant. Aber zwei Formulierungen, die symptomatisch sind.
Die erste fiel nach längerem Disput: „Pass auf! Du hast deine Meinung und ich habe meine. Das wird auch so bleiben.“
Die zweite stammt aus einem lockeren Gespräch und wir sogar noch deutlicher: „Ich weiß, meine Meinung ist ein Vorurteil, aber ich denke nun mal so und dabei bleibe ich.“
Bei beiden Bemerkungen war die Absicht, den Disput zu beenden und künftig zu vermeiden.
Warum eigentlich? Konnten doch die, von denen sie kamen sonst stundenlang über alles Mögliche reden.

Meine beste Erklärung lautet: Alle drei Gegenspieler befürchteten, einem Kampf der Argumente nicht gewachsen zu sein. Deshalb vermieden sie ihn oder erklärten ihn für nicht relevant.
Möglicherweise liegt hier ein Schlüssel für das Aneinander-vorbei-Reden von „Volk“ und „Politik“, man könnte auch sagen von „Stammtisch“ und „Intellektuellen“. „Volk“ und „Stammtisch“ benutzen Sprache hauptsächlich zur Selbstvergewisserung und zur Übermittlung von Fakten wie „Deutschland grenzt an x Staaten“, zur Beantwortung von Quizfragen à la „Wer wird Millionär?“
Den Diskurs im komplexen und unscharfen Feld der menschlichen Verhältnisse sind nur wenige gewöhnt. Die erkenntnisschaffende Kraft des Streites ist aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt. Wir haben verlernt zu streiten. Streiten ist etwas anderes als Verhandeln und Kompromissfindung. Und wir haben aus den Augen verloren, dass eine Diskussion nur dann fruchtbar sein kann, wenn beide Seiten bereit sind, ihre Meinung im Lichte der Argumente zu revidieren.
Eine Diskussion, die geführt wird, während man weiß, dass man unter allen Umständen bei seinem Standpunkt bleiben wird, ist im Grunde keine. Talkshows im Fernsehen sind keine Diskussionen, geben aber für viele das Modell vor.

Was also tun?
1. Wir müssen vorleben und lehren, dass verhandeln der richtige Weg ist für den Ausgleich von Interessen, streiten dagegen der richtige Weg, um die Wirklichkeit besser zu verstehen.
2. Wir müssen lehren und vorleben, dass Meinungen nicht sämtlich gleichwertig sind und unwidersprochen bleiben müssen. Und dass es
3. ehrenwert ist, seine Meinung zu ändern, wenn Argumente es fordern.

Dann klappt‘s vielleicht mit der direkten Demokratie

Redakteur

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21. Januar 2015, 20:13

Pflichtlektüre "LTI"

Von Klemperer wäre in meiner Redekritik noch viel mehr sinnvoll gewesen, hätte dort aber den Rahmen gesprengt. Deshalb hier nur ein ergänzendes Zitat.

"Die (Weimarer) Republik gab Wort und Schrift geradezu selbstmörderisch frei; die Nationalsozialisten spotteten offen, sie nähmen nur die von der Verfassung gewährten Rechte für sich in Anspruch, wenn sie in ihren Büchern und Zeitungen den Staat in all seinen Einrichtungen und leitenden Gedanken mit allen Mitteln der Satire und der eifernden Predigt zügellos angriffen. Auf den Gebieten der Kunst und Wissenschaft, der Ästhetik und der Philosophie gab es keinerlei Beschränkung. Niemand war an ein bestimmtes Dogma des Sittlichen oder des Schönen gebunden, jeder konnte frei wählen.​"
(LTI. Leipzig 1982, S.​26)

Redakteur

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22. August 2014, 07:15

Die spinnen, die Spin-Doctors!

Der Wahlkampf zum Sächsischen Landtag ist ungefähr so aufregend wie ein Schneckenrennen. Und auch so vielsagend. Inhaltliche Aussagen, wofür eine Kandidat und seine Partei stehen, früher schon vom Aussterben bedroht, sind verschwunden. Nicht einmal als Slogan sind sie noch anzutreffen, dieser Schrumpfform der Aussage.
Nur die NPD hat den Schuss nicht gehört und plakatiert fleißig weiter ihre schwer erträglichen Losungen. Aber immerhin weiß man, wen man vor sich hat.
Alle anderen Parteien haben auf Berater gehört und die wiederum haben offen-sichtlich vom Mere-Exposure-Effekt erfahren, den Psychologen vor knapp fünfzig Jahren zum ersten Male beschrieben haben. Dieser Effekt besteht darin, dass uns jemand oder etwas allein schon dadurch sympathisch wird, dass wir ihn oder sie oder es öfters sehen. Das gilt sogar für chinesische Schriftzeichen.

"Geil!​", mögen die Berater gedacht haben, "Jetzt haben wir's!​" Und sie rieten ihren Klienten, nicht mühselig irgendwelche Kernaussagen zu schmieden, wo doch ein grinsendes Gesicht genügt. Außerdem: Eine inhaltliche Position kann angegriffen werden, ein Gesicht nicht. Also hängen nun überall die Porträts der Kandidaten mit dem Namen groß darunter. Darunter lassen kühne Kandidaten noch einen Alibi-Halbsatz setzen. In kleinen Lettern und mit dem Tiefgang einer Gummiente. Gesicht zeigt man nur im wörtlichen Sinne.
"Dagegen kann sich keiner wehren", haben die Berater den Parteien versichert und die sind gern darauf eingestiegen.
Wieso Herr Tillich – für alle Nichtsachsen: "Unser Ministerpräsident" in Dresden – sich von dieser Taktik auch noch etwas verspricht, bleibt eines der Mysterien seiner Staatskanzlei.

Bei mir zeitigt die Kampagne tatsächlich Wirkung. Die Sachsen sind mir heute im Durchschnitt sympathischer als vor sechs Wochen. Ich würde am liebsten alle wählen. Geht leider nicht.
Vielleicht wähle ich dann doch die FDP. Die zeigt nämlich nicht nur Gesichter, sondern glänzt mit dynamischen position statements. "Sachsen ist nicht Berlin", zum Beispiel. Na, wenn das kein Grund ist, die Liberalen zu wählen .​.​.
Oder das Großplakat mit junger Frau, das Victory-Zeichen machend. Darunter steht der Satz: "Verliebt in Sachsen". Ich denke jedes Mal an "Schlaflos in Seattle".
Ist aber nicht die junge Meg Ryan, ist nur die alte Tante FDP, die eigentlich sagen wollte: "In Sachsen verliebt". Was auch schief ist, aber wenigstens fast eindeutig.

Das zeigt uns doch, welche Tücken selbst Halbsätze haben. Dann doch lieber auf den Mere-Exposure-Effekt bauen. Denn für den ist nicht einmal Grinsen nötig. Keine Angst, dass spricht sich unter den Beratern auch noch rum. Wenn uns die ersten bärbeißigen Gesichter vom Laternenpfahl herunter unwirsch angucken, dann werden wir wissen: Es ist so weit.

Redakteur

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28. Juli 2014, 19:50

Feel-Good-Philosophy für Zugfahrer

Wenn ich als Reisender Glück habe, starte ich an einem Bahnhof, in dem es eine Buchhandlung gibt oder wenigstens einen Zeitungskiosk. In diesen Quellbrunnen der Reiselektüre mit ihren Regalen der Entdeckungen fische ich zwischen "Playboy", "Geo Epoche" und "Landlust" nach nie gelesenen Zeitschriften.
Am liebsten angle ich Titel heraus, die sich irgendwie ungebärdig benehmen. So etwas wie "Tumult – Vierteljahresschrift für Konsensstörung" oder – wie letzthin – das "Philosophie Magazin". Beschwingt von der Freude über Leute, die eigenen Gedanken nachgehen und sie auch noch mit Trara an eine kleine Leserschaft herantragen, steige ich in meinen Zug und fahre in den Tag.

Minutenlang betrachte ich erwartungsfroh das Cover des "Philosophie-Magazins". Das Morgenlicht allerdings tröpfelt erste Zweifel in mein Gemüt. Die Zeitschrift wirkt weniger ungebärdig als trendy.
Der Trend, den sie bedient lautet: „Ich bin anders, weil ich denke!“
Der Individualist von heute braucht ja Unterstützung, um durch eine winzige Abwandlung der Interpunktion seinem Ego Tiefe einzuschreiben. Aus dem banalen "Ich denke, ich bin anders.", was ja jeder irgendwie denkt, wird das begründende "Ich denke. Ich bin anders."

Ich meinerseits lasse mir von solchen Eindrücken nicht bange machen, hole tief Luft und schlage das Heft auf. ... Und hätte besser noch etwas gewartet, denn das Niveau der Gebrauchsfreude liegt deutlich unter dem der Vorfreude, was nur eine gewundene Formulierung für Enttäuschung ist.
Das Heft enthält das jeweils Versprochene nur in geringen Dosen und leicht verdaulich für die ambitionierte Führungskraft von heute. Akademische Titel und Funktionen der Autoren (-Innen eingeschlossen) werden ebenso gerne bemüht wie preisgeschmückte Lebensläufe – vermutlich als Nachweis der Seriosität und Tiefsinnigkeit der Artikel.
Die ihrerseits lösen die Versprechen nicht ein. Die flotte Schreibe ist wichtiger als die Stringenz der Argumentation.

Beispiel gefällig?
Bei der Frage: "Kann man sich auf den Tod vorbereiten?", läuft die Antwort auf den Satz hinaus, man solle "mit dem Tod tanzen, statt in den Tod".
Das ist Flucht in die Metapher, wo es nicht nötig wäre, nur um der Frage doch noch aus dem Weg zu gehen. Dabei rückte man die doch ins Blatt um zu zeigen, dass man keine Furcht vor großen Fragen hat. Aber das ist eine Mutmaßung.

Keine Mutmaßung ist, was im Impressum steht: „Das Philosophie Magazin ist erhältlich im Bahnhofs- und Flughafenhandel in Deutschland.“
Ja, dann!

Redakteur

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31. Mai 2014, 08:58

Aus einer Geschichte wird Geschichte

Dass „history“ wenig mehr ist als eine weiter gereichte „story“, bei der jeder auf die Verlässlichkeit des Zeugen/Erzählenden und dessen guten Willen angewiesen ist, wurde mir in Philadelphia vor Augen geführt.
Der Zufall führte uns nämlich vor das Haus der Betsy Ross, einer Polsternäherin im 18. Jahrhundert, von der die Legende berichtet, sie habe von George Washington und zwei anderen Politikern den Nähauftrag für das erste Sternenbanner der Vereinigten Staaten bekommen, und auf ihre Anregung hin seien statt der sechszackigen Sterne, wie auf der Skizze, die Washington ihr gab, die fünfzackigen aufgenäht worden.
Erhebenderes ist über Betsy nicht bekannt, außer vielleicht, dass sie in jungen Jahren mit ihrem späteren Ehemann durchgebrannt war.

Jedenfalls wurde die Geschichte in der Ross-Familie so erzählt und so schaffte sie es in die Schulbücher der USA. Heute findet man sie dort nicht mehr, weil es inzwischen erhebliche Zweifel an dieser Version gibt. Trotzdem stand und steht das Haus, in dem Betsy die Fahne nähte im Reiseführer und bei Klassenfahrten amerikanischer Schüler auf dem Reiseplan. Im Pulk wandern sie durch das Haus und betrachten die Devotionalien einer Näherin. Unter anderem eine Brille, von der sie erfahren, dass Betsy sie trug, als ihre Sehkraft nachließ.

Im Ergebnis kennen fast alle US-Amerikaner Betsy Ross als Teil der Geschichte. Mancher wird mit den Augen zwinkern, wenn er die Story erzählt und nicht vergessen zu erwähnen, dass es sich dabei um eine Legende handelt. Viele werden sie jedoch für bare Münze nehmen, einfach weil eine Story sich gut merken lässt und weil diese Story so schön patriotisch ist, weil sie gut in das Gesamtbild passt, indem sie Symbolisches mit human interest verbindet. Und schließlich, weil eine erfundene Geschichte besser ist als keine.
Längst hat es das Anwesen zum Wallfahrtsort gebracht und zum begehbaren Beweis, dass Legenden Teil der Historie werden können so gut wie Fakten.

Natürlich gibt es auch andere Stimmen, aber wer wird sich von denen eine gute Story kaputt machen lassen.

Redakteur

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30. Mai 2014, 08:04

Die Amerikaner und die Ursprache

Der Amerikaner passt sich sprachlich nicht an und womöglich ist dies seine große Stärke in der Globalisierung.

Der alte Mann in Harpers Ferry, von dem ich schon berichtete, erzählte, er habe zehn Jahre bei der Botschaft gearbeitet, erst in Bonn, dann in Berlin. Außer ein paar Brocken wie „Tschüss!​“ oder „Ein Bier, bitte!​“ habe er in all den Jahren nicht Deutsch gelernt. Um ihn herum hätten alle englisch gesprochen, auch die Deutschen.

Amerikanisches Englisch scheint für den Amerikaner so etwas wie die Natursprache zu sein; und die wird nicht verwässert. Das tut man nicht.

So fragte mich der Koch in einem Diner, ob ich mein Sandwich mit „Männess“ haben wollte. Das Wort hatte ich noch nie gehört, entsprechend muss mein Gesicht ausgesehen haben: „What?​“
„Männess“, wiederholte er. Dann zeigte er mir eine angegilbte Plastikflasche und sagte zum dritten Male „Männess“. Jetzt wusste ich zwar immer noch nicht, worum es sich dabei handelte, weil der Koch aber offensichtlich an die Grenzen des Sag- und Erklärbaren gegangen war, sagte ich gottergeben: „Yes.​“
Während der Typ „kochte“, hatte ich Zeit, Klänge zu analysieren und meine Gedanken zu ordnen. Irgendwann teilte mir mein Unbewusstes mit, was der Mann gemeint haben könnte: Mayonnaise!
Englisch: Meijeneis. Für ihn war aber die amerikanische(?​) Aussprache die einzig denkbare gewesen.

Das gilt in allen Bereichen.
In Deutschland verfiele vermutlich niemand darauf, den Namen „Larry“ wie ein deutsches Wort auszusprechen, also mit „a“ und „ü“ mit Betonung auf dem „a“. Wir sagen selbstverständlich „Lerri“ oder „Lärri“. (Im Zweifelsfall schreiben wir dann sogar so, was die vielen „Maiks“ beweisen, denen man heute begegnen kann.​)
Anders in den USA: Stellte ich mich vor mit den Worten: „Hi, I’m Wolfgang. Nice to meet You.​“, dann stutzte mein Gegenüber, lächelte kurz darauf und rief: „Ah, Wolfgäng! Where do you come from? …“

Auf diese Weise haben die Amerikaner ihre Dominanz errungen. Sie haben ihre Sprache zur Sprache der Völker gemacht.
Denn wie die Dinge nun einmal liegen, heißen sie so, wie die Amerikaner sie benennen.

Redakteur

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08. Mai 2014, 02:43

Kopf und Bauch und die englische Sprache

Dass Kopf und Bauch nicht immer dasselbe meinen, ist ein Gemeinplatz. Hin und wieder überrascht mich aber doch, wohin dies führt. Heute Mittag sah ich aus meinem Fenster zu, wie ein Amerikaner sein Auto ausparkte. Er machte das so umständlich, als löse er eine Schachaufgabe: Raus in sechs Zügen. Innerlich stellte ich fest: Der kann echt nicht Auto fahren und sein Helfer kann nicht einweisen. Während ich mich abwende, sehe ich den Helfer die Straße hinunter gehen, und höre doch aus der Tiefe meines Unbewussten: Aber die können Englisch, und besser als du!
Faktisch hat mein Unbewusstes natürlich Recht, aber wie soll man sich nach solchen Nackenschlägen motivieren, frage ich euch.

Das Leben ging weiter und ich durch Harpers Ferry, entschlossen, all die vielen Läden, in deren Schaufenstern das Schild OPEN stand, von innen zu sehen. Das klappte zwar, allerdings nicht ganz so, wie ich es erwartet und erhofft hatte. Viele Läden in Harpers Ferry sind gar keine. Es handelt sich um kleine Museen, die zeigen, wie die Läden Mitte des 19. Jahrhunderts ausgesehen haben. Strohhüte, einfach genähte Hemden, Schuhe vom Einheitsleisten, Stoffballen, alles nur zum Gucken. Bei den Schuhen hat mich das nicht weiter gestört, dass aber auch die Pralinen und Petit fours im Schaufenster aus Pappmaché oder bemaltem Gips bestanden, hat mich dann doch erbittert.

Der Buchladen – und das war der Trick – der Buchladen war echt. Ich stand zwischen den Regalen, in denen alles versammelt ist, was jemals über den Bürgerkrieg, John Brown und die Gegend hier erschienen ist, da wurde ein alter Mann mit großem Hallo begrüßt. Er erzählte, er habe sich von zu Hause aus dem Staub gemacht, weil die Schwester seiner Frau zu Besuch gekommen sei. Die Buchhändlerin fragte, vor wem er auf der Flucht sei, seiner Frau oder ihrer Schwester. „Vor beiden“, lautete die Antwort. Wohin die Flucht gehen solle, war die nächste Frage. „Hier her.​“

Er blieb und wir kamen ins Gespräch. Dabei half, dass mein Englisch besser war als sein Deutsch.

Redakteur

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07. Mai 2014, 02:41

Almost heaven, West Virginia

Ich war fünfzehn, wenn ich mich recht erinnere, da gerieten die Noten von „John Browns body“ in meine Hände. Das Beste daran: Nicht nur die Melodie war abgedruckt, die Gitarrenakkorde standen auch da. Fortan war das Lied eine meiner Glanznummern an Lagerfeuern und in Party-Runden, auch und womöglich vor allem, weil beim Refrain alle mitsingen konnten. Glory, glory, hallelujah! Glory, glory, hallelujah! … His truth is marching on.
Der oder jener kennt vielleicht auch die Zeile: He captured Harpers Ferry with his nineteen men so true …

Jetzt, fast fünzig Jahre später sitze ich im Aufenthaltsraum einer B&B-Unterkunft in Westvirginia. In eben jenem Harpers Ferry, das der besungene John Brown in der Mitte des 19. Jahrhunderts überfiel, um Waffen zu erbeuten, damit er seinen Traum von einem Land der Freiheit für die damaligen Negersklaven verteidigen könnte. Folgerichtig führte mich mein erster Museumsbesuch allhier in das Wax Museum, wo John Brown mehrfach lebensgroß in Wachs und wichtigen Stationen seines Lebens zu sehen ist. Auf den Stufen zum Galgen bewegt die Figur sogar den Kopf, damit jedem klar wird, dass his soul will marching on.
Aber das ist noch nicht alles. Hier in den Blue Rigde Mountains fließt auch der Shenandoah in den Potomac und dies in einem Tal, das von frühlingsgrünen Bergen umstanden wird. So viel Frühling habe ich in Amerika noch nicht gesehen. Ich kam aus dem Knipsen gar nicht heraus. Almost heaven!

Provinz ist diese Touristenhochburg dennoch. 18:​30 Uhr war mindestens die Hälfte der Kneipen schon CLOSED, in der anderen, in der ich noch einen vegetarischen Burger aß, schlief der Kellner auch schon. Er servierte mir das gewünschte Rootbier in einer Flasche, auf der der Kronenkorken so fest saß wie weiland Winnetou im Sattel. Das Paar aus Florida am Nebentisch bemerkte meine Verlegenheit, die Frau schnappte sich meine Flasche, verschwand in Richtung Kellner und kehrte mit geöffneter Flasche zu mir zurück. Ja, nett sind sie alle, nur manche eben auch vergesslich.

Redakteur

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05. Mai 2014, 18:52

Karl-Marx-Stadt in Pennsylvania

Im pennsylvanischen Kohlerevier liegt eingeschlossen von imposanten Bergen eine Kleinstadt mit knapp 5000 Einwohnern. Sie nennt sich „Jim Thorpe“, nach einem berühmten Footballspieler, der bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm quasi aus dem Stand die Goldmedaillen im Fünfkampf und im Zehnkampf gewann. Zeit seines Lebens hatte er mit zwei Nestern namens Mauch Chunk und East Mauch Chunk in den pennsylvanischen Bergen so viel gemeinsam wie der Kölner Dom und eine trockene Kartoffel. Trotzdem beschlossen die Stadtväter östlich und westlich des Lehigh River, ihre Gemeinden zu vereinen und sie mit dem Namen Jim Thorpe zu schmücken.

Das war 1953, in dem Jahr, in dem der Supersportler starb. Im selben Jahr wurde auf der anderen Seite des Atlantiks Chemnitz umbenannt in Karl-Marx-Stadt.

Beide Wiedertaufen hatten ideologische Gründe. Versprachen sich die DDR-Oberen eine gewisse Popularisierung sozialistischer Ideen durch die Namensgebung, so hofften die Honoratioren im Lehigh-Tal, den Tourismus in ihrer Stadt zu beflügeln. Auch dies folgt einer Ideologie, nämlich der, dass es darauf ankommt, eine Marktnische zu definieren, indem man einem gewöhnlichen Kind einen außergewöhnlichen Namen gibt und dann auf dessen segensreiche Wirkung zu hofft.
In den vorliegenden Fällen eines so künstlich wie das andere. Beides setzt auf den Platoniker in uns allen, der da glaubt, ein Name sei mehr als Schall und Rauch.

Reisende sollten Jim Thorpe im Sommerhalbjahr und an einem Wochenende besuchen. Unter der Woche schläft die Stadt und auch auf dem Broadway bleiben Galerien und Geschäfte geschlossen. Und – Wie sagte die Frau in der Touristen-Info? – am Wochenende wird auch das Gefängnis geöffnet. Das ist doch beruhigend.

Redakteur

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