Wolfgang Melzer

(Rednerladen)

Aus meinen Sudelbüchern
Beobachtungen, Betrachtungen, Einfälle, wie sie gerade anfallen.


05. Juni 2015, 10:14

Transsubstantiation in der Praxis oder Gesslers Hut in Liegnitz

Ob es eine Welt der Ideen wirklich gibt und wie man sich deren Existenz vorzustellen hat, ist eine durchaus umstrittene Frage.
Aber nicht für jeden, wie ich an Fronleichnam in Legnica sehen konnte. Auf dem Weg zum dortigen Marktplatz gemahnte mich ein Altar unter freiem Himmel des Feiertags. Leute standen wartend herum, also blieb ich auch stehen. Ein wenig verschämt, wie ich zugebe, bleibt doch dem Agnostiker angesichts religiöser Bräuche und Riten nur die Rolle des Anthropologen. Die Gefahr war groß, wie ein Missionar des 18. oder 19. Jahrhunderts verständnislos die als absonderlich empfundenen Verhaltensweisen der Einheimischen zu Protokoll zu nehmen. Aber nun stand ich hier und kam nicht recht weiter, denn inzwischen verstopfte die Menge den Zugang zum Markt und neugierig war ich außerdem.

Dann ging es los. Blechbläser spielten, ein Baldachin schwebte über den Köpfen, ein Kantor sang in ein Mikrophon. Gleichmäßig verteilt trugen junge Männer an langen Stangen Lautsprecher, aus denen der Gesang über die Menge hallte. Aber ich will nicht den Verlauf der Prozession schildern, sondern auf die Ideenwelt zurückkommen. Vermutlich gibt es sie doch.
Drei Beobachtungen lassen mich das glauben.
Da war zunächst der Moment, da die Monstranz auf dem Marktplatz vorgezeigt wurde. Viele der Versammelten gingen auf die Knie. Und gerade weil es nicht alle waren, wirkte der Kniefall nicht einstudiert oder gewohnheits-
mäßig. Die Leute meinten wirklich die Hostie oder richtiger: Jesus. Ihre Inbrunst war nicht zu übersehen, wenn auch nicht ungeteilt.
Dasselbe wiederholte sich an späterer Stelle. Hier gingen die Menschen auf die Knie, solange die Monstranz an ihnen vorüber getragen wurde. Wiederum nicht alle und wiederum viele in echter Ergriffenheit. Dies wirkte noch stärker auf mich, weil es spontaner geschah, weniger protokollarisch.

Der Streit zwischen den Kirchen dreht sich ja wesentlich um die Art von Christi Präsenz beim Abendmahl. Strittig ist die Frage: Hat das Brot sein Wesen (nach Aristoteles: seine Substanz (1)) geändert und nur die Akzidenzien wie Geschmack, Konsistenz usw. beibehalten oder nicht? Solche scholastischen Spitzfindigkeiten schienen bei den Gläubigen keine Rolle zu spielen. Zumindest für diejenigen, die nicht einfach machten, was verlangt war, war Jesus da. Auf welche Weise er anwesend war, hätten sie wahrscheinlich kaum sagen können.

Die dritte Beobachtung liegt gänzlich außerhalb des Protokolls und hat mich fast noch mehr beeindruckt. In einem kleinen Park an der Kirche „Peter und Paul“ steht ein Denkmal. (Sehr wahrscheinlich zeigt es Johannes Paul II. Das ist aber nicht ausschlaggebend.) Ein älterer Herr spaziert durch den Park. Am Denkmal zieht er die Mütze ab. Ein paar Meter weiter setzt er sie wieder auf.

Es erheben sich Fragen: Wen hat er gegrüßt? Die Bronzefigur? Den Papst? Wieviel Substanz vom Papst steckt in der Figur?
Der einzige Reim, den ich mir darauf machen kann, ist: Der Mann hat die geistige Substanz Wojtylas getroffen, gespürt, gesehen, gegrüßt und seiner Verehrung Ausdruck gegeben. Was Wilhelm Tell einst verweigerte, tat dieser Mann freiwillig, ohne Zwang. Mehr Platonismus geht kaum.

(1) „Substanz“ hat hier nichts mit „Stoff“ zu tun, sondern meint den wesentlichen Gehalt einer Sache wie in der Redewendung vom „substanzlosen Vortrag“.

PS: Für Alina, die es nicht anders wollte!

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren


26. Mai 2015, 09:26

Verstecktes Weltkulturerbe in Jauer

Ich war in Jawor (Jauer), um die dortige Friedenskirche zu besichtigen. Sie ist eine von drei Kirchen, die die Protestanten nach dem 30-jährigen Krieg im katholischen Schlesien bauen durften. Allerdings mit Auflagen:
Sie musste in einem Jahr gebaut werden.
Es durften keine Steine verwendet werden.
Die Kirche durfte nicht als solche zu erkennen sein.
Der letzte Punkt wurde so getreu erfüllt, dass ich Schwierigkeiten hatte, diesen – mit 3000 Sitzplätzen nun wirklich nicht kleinen - Bau zu finden. Später merkte ich, dass ich praktisch immer darum herum gelaufen war.
Um das herauszufinden, musste ich mir erst im Touristenbüro einen Stadtplan besorgen. Bessere Polnisch-Kenntnisse hätten auch geholfen, waren aber so schnell nicht machbar.
Auf der Suche nach der Kirche hatte ich von verschiedenen Blickwinkeln aus in den Friedenspark gespäht – umsonst. Wenn ich schon mal einen Zipfel der Kirche gesehen hatte, hatte ich sie nicht erkannt. So wenig entsprach sie meinem Suchbild. Auf den Postkarten war sie immer vollständig zu sehen. Wie sollte ich ahnen, dass dies die einzige Ansicht vom Ganzen ist, die außerdem nur von einem kleinen Fleckchen im Park aus zu sehen ist.

Also, Wanderer, kommst du nach Jauer, um die Friedenskirche zu sehen, nur frisch hinein in den Park und du wirst sie finden!

Für einen Eindruck jenseits der Postkarte den Link anklicken.

Wo ist die Kirche.JPG

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren


25. Mai 2015, 19:54

Hundeleben in Polen

Eine der wunderlichsten Erscheinungen meines schlesischen Aufenthaltes sind die Hunde, die hier allenthalben herum laufen. Dem Anschein nach auf eigene Rechnung, denn sie tragen weder Leine noch Halsband, noch ist ein menschlicher Besitzer zu sehen. Wie gesagt: Man trifft sie überall.
Einer liegt zu Beispiel gerne vor dem Supermarkt, in dem ich einkaufe. Er ist keineswegs ein Streuner oder Ausreißer, er gehört zu einem Haus auf der anderen Straßenseite. Die Straße ist zwar kleinstädtisch, dafür aber ziemlich befahren. Genauso der Parkplatz. Der Hund scheint genau zu wissen, wo für einen wie ihn Platz ist. Er liegt neben den Einkaufswagen oder auf einem schmalen Streifen Wiese, wo kein Auto fährt. Dort empfängt er auch befreundete Artgenossen von irgendwoher zu einem ruhigen Spiel. Um die Menschen kümmert er sich nicht.

Ähnlich phänomenal verhält sich ein kleiner Hund in Agnetendorf, den ich täglich bei seinen Inspektionsgängen beobachte. Er geht diszipliniert am Straßenrand, begleitet Mensch seiner Wahl gelegentlich ein Stück Wegs, hat dann aber wieder anderes zu tun und eilt auf kurzen Beinen davon. Niemanden scheint es zu beunruhigen, wenn der Hund durch das Revier streift. Ich bin durch Dörfer gefahren, an deren Ortseingangsschild vor Hunden auf der Fahrbahn gewarnt wurde. (Leider habe ich kein Foto davon geschossen, so dass dies nur eine begründete Vermutung ist. Es könnte – im unwahrscheinlichen Fall – auch bedeutet haben, Hunde seien an die Leine zu nehmen.​)

Ist das nun der Fatalismus der Polen (Klappt’s – gut. Klappt’s nicht – auch gut.​) oder Ausdruck der Tierliebe, die das Tor offen lässt, damit der Hund etwas hat vom Hundeleben. Mit der sehr erwachsenen Formel im Hinterkopf: Mach, was du willst, aber mach es auf eigenes Risiko.

Hund im Dienst in Agnetendorf.JPG

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren


20. Mai 2015, 17:11

Flache Spuren einer Ausstellung

Letztes Wochenende eröffnete hier im Gerhart-Hauptmann-Haus Jagniątków eine Ausstellung mit dem Titel „Deutsche Spuren in Niederschlesien“.
Was ist zu sehen?
Ein Fotograf hatte sich aufgemacht und nach deutschen Spuren im polnischen Niederschlesien gesucht. Schon diese Aufgabenstellung macht die Ausstellung bedeutungsvoll, denn Fragen dieser Art sind noch nicht so sehr lange möglich. Noch immer nähern sich Deutsche wie Polen diesem Teil der Geschichte sehr vorsichtig. Das drückt sich auch – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – in der Ausstellung aus.
Sie hat eine merkwürdig eingeschränkte Auffassung davon, was eine Spur ist. Spur ist für sie nur, wo es sozusagen draufsteht. Wir sehen fast ausschließlich Bilder von Beschriftungen. Im Extremfall wird die Beschriftung mit der Spur gleichgesetzt. Beispiel dafür ist das Jugendstilkaufhaus in Jelenia Gora. Vom Haus zeigt die Ausstellung nur den Teil einer Giebelwand mit der Aufschrift „Kaufhaus R. Schüller“.

Semiotisch gesehen ist eine Aufschrift die Be-Zeichnung des Objektes, ein Zeichen, das auf ein konkretes Objekt referiert. Sie ist kein Objekt aus eigener Kraft, sondern inhaltslos, wenn das Bezeichnete nicht existiert. Sie gibt dem Objekt einen Namen, damit man darüber sprechen kann – wohlgemerkt: Über das Objekt, nicht über die Beschriftung! Kurz gesagt: Die Beschriftung verweist auf ein Objekt, das seinerseits die eigentliche Spur ist. Oder anders: Das Haus ist als Spur auch ohne Beschriftung denkbar, die Beschriftung ohne Haus nicht.
Eine Beschriftung kann auch aus eigenem Anspruch zur Spur werden, nämlich dann, wenn sie keine funktionale Bezeichnung darstellt, sondern eine eigene Botschaft hat. Wenn zum Beispiel ein Sprayer seinen Tag an eine Hauswand sprüht, dann hinterlässt er eine Spur, die mit dem Objekt nicht zusammenfällt. Dies ist aber bei den hier abgelichteten Dingen nicht der Fall.

Was ich damit sagen will: Es ist schade, dass die Ausstellung das Konzept der Spur so eng und so flach fasst. Spuren sind Hinterlassenschaften, die zeichenhaft auf ihre Erzeuger verweisen. Mir will scheinen, Häuser gehören dazu. Allerdings sind sie tiefere Spuren als die gezeigten. Das Gerhart-Hauptmann-Haus ist so eine Spur, die der Nobelpreisträger in Agnetendorf hinterließ, gleichgültig ob ein Schild davon kündet oder nicht. Das Schild „Gerhart-Hauptmann-Haus“ ist Erkennungshilfe der Spur für den Unkundigen, nicht die Spur selbst.

Hier schließe ich. Der nachdenkliche Leser wird die Verästelungen des Themas längst spüren und – je nach Neigung – ausarbeiten. Die Ausstellung zeigt, wie zwiespältig es ist, mit einer Vergangenheit zu leben, die nicht (mehr) die eigene ist. Hätte sie dies zum Thema gemacht, es hätte eine große Ausstellung werden können.

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren


04. Mai 2015, 22:42

Ankunft

Jetzt bin ich also in Agnetendorf. Stipendiat im Gerhart-Hauptmann-Haus. Meine Schreibklause liegt unterm Dach, ist großzügig bemessen, im Verhältnis dazu sparsam möbliert und war als ich ankam so aufgeräumt wie leer. Ich schleppte mein Gepäck über die Stiege nach oben, mehr um dem horror vacui etwas entgegen zu setzen, als um einzuziehen. Dabei fiel mir auf, dass ein Umzug meine geistige Produktion ins Stocken brachte. Ich konnte Haus, Zimmer und mein Hiersein in keinen irgendwie gearteten Zusammenhang bringen mit Jakob Böhme. Das Manuskript, an dem ich gestern noch gearbeitet hatte, lag weit hinter mir. Ich erinnerte mich nicht einmal, wie weit ich im Text gekommen war. Das konnte ja heiter werden!
Später lehnte ich mich gegen den drückenden Einfluss der ungewohnten Umgebung auf und spazierte in Touristenmanier durch den Park des Hauses. Guckte hier. Filmte da. Guckte wieder. Die Villa gab nach. Wir machten uns bekannt, die Villa und ich. Anschließend lief ich durch das menschenleere Haus (montags ist geschlossen) und die Bekanntschaft vertiefte sich. Von der Balustrade im ersten Stock überblickte ich das berühmte Foyer. Unter mir waberte Genie. Überhaupt wirkt das Haus und stellenweise auch der Garten/Park exaltiert auf mich. Ein Platz, um Verehrer zu empfangen. Es mag am Jugendstil liegen, der schwellenden Erotik, dem ausgestellten Ästhetizismus und der Inszenierung des Künstlergenies, dass ich mich ständig an Gustav Klimt erinnert fühle. Ja, ja, der Hauptmann und der Klimt, das waren schon zwei …
Damit stieg ich nach oben und räumte mein Zimmer ein. Ich legte alles mit Büchern und Zetteln voll, bis das Durcheinander vergleichbar war mit dem, was ich zuhause um mich herum gewöhnt bin. Und siehe da: Die Arbeit rief.

Inzwischen ist es dunkel und vor mir liegt die erste Nacht im Museum. Hoffentlich geht es gut!

Ankunft in Agnetendorf.png

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren


03. Mai 2015, 08:01

Wortkunst am Bau

Dieser Tage stand ich auf dem Dresdener Postplatz herum und wartete auf einen Bekannten. Der Platz war, seit ich ihn kenne, noch nie anheimelnd, eher ein Knotenpunkt für Übergänge aller Art, hauptsächlich aber zwischen Straßen-bahnen. Gegenüber früher hat sich viel verändert. Jetzt hat der Platz eine antiseptische Ausstrahlung, so aufgeräumt liegt er da. Wer da ging und stand, wirkte verloren in dieser ausfransenden Weite. Es fühlte sich an wie eine dieser Architektur-Visualisierungen, die (fast) alle zu einer Lichtführung a la Edward Hopper tendieren. Die schöne klinische Welt dieser Visualisierungen, hier war sie Wirklichkeit geworden. Und ich streifte wie mein eigener Avatar über einen virtuellen Platz. Es brauchte eine Weile, bis ich begriff, woher diese Empfindung kommen mochte: Vor mir – an der Westseite des Platzes – erhob sich eine Art Klötzchen-Architektur in groß. Solche Klötzchen kenne ich noch von alten Simulationsprogrammen, die auf allzu ausgefeilte Texturen und Details verzichten mussten. So etwa stand jetzt vor mir – als echter Bau.

Ein Blick auf den First der Gebäude verstärkte das Gefühl, in einer Simulation zu stehen. Die Häuser sind beschriftet!!!
Und wie!
Poetisch!
Der Planer mag gedacht haben: Na gut, das ist jetzt Klötzchen-Architektur und reine Funktion, aber wir wollen ja auch Schönheit und Sinn anbieten. Denn wir wissen, der moderne Mensch lechzt danach.
Und wie kriege ich Tiefsinn in jede Tonne? fragte er sich mit gefurchter Stirn.
Dann der Heureka-Ruf: Mit Philosophie und Poesie, ha!
Ein Dichter war vermutlich schnell gefunden, vielleicht wurde auch ein Wett-
bewerb ausgelobt. Bald darauf wurden Buchstaben geschweißt und auf die Dächer gestellt. Seitdem haben die Häuser eine Botschaft bzw. Botschaften. Diese kommen aus dem Baukasten der Feel-Good-Poesie. Es handelt sich um Einzeiler, und zwar um Einzeiler mit einem Irritationspotential von Null. Jeder versteht sie, alle nicken. Sie sind für sich genommen genau so banal wie die Häuser, auf denen sie stehen.
Der Avatar, der ich war, fragte sich: Wer braucht das?
Häuserbeschriftung hat mit Wortkunst so viel zu tun, wie Fahrstuhlbeschallung mit Tonkunst.
Bringt ein langweiliger Text auf langweiligen Häusern wirklich Schönheit und Tiefsinn in die Welt?
Oder stehen wir womöglich vor einem ganz ausgefixten Cross-Over-Projekt?
Entscheiden Sie selbst!

PS
Für alle, die die Texte auf dem Bild nicht erkennen können, hier die Auflösung:
"Ein Leben ohne Freude ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus."
"Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende."

Hier gibt es das Bild dazu:

Postplatz in Dresden.jpg

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren


13. Februar 2015, 11:07

Über das Streiten und die Demokratie

Vor wenigen Tagen fügten sich für mich drei zum Teil weit auseinander liegende Erlebnisse zusammen und steckten mir ein Licht auf.

Das erste Ereignis liegt rund fünfzig Jahre zurück. Ich war damals knappe vierzehn und ein Mitschüler verriet mir aus heiterem Himmel, ein gefürchteter Bandenchef aus der Parallelklasse hätte gesagt, er wolle mir einen Abreibung verpassen. Das Einzige, was mich mit diesem Jungen verband war der Umstand, dass wir bis zur dritten Klasse im selben Haus gewohnt hatten. Ich im zweiten Stock und er im Erdgeschoss. Seine Familie war dann weggezogen und seitdem hatten wir keinen nennenswerten Kontakt mehr gehabt. Mir war ein Rätsel, weshalb ich verprügelt werden sollte. Trotzdem oder vielleicht auch deshalb hatte ich natürlich Angst, denn der Junge war mir körperlich überlegen. Hinzu kam: Ich konnte nicht vorhersehen, wann und wo es passieren würde, wann und wo er mich zum Kampf stellen würde. Wochenlang ging ich den Schulweg nicht allein und änderte die Route, je nach empfundener Bedrohungslage. Immer mit der Frage im Kopf: Warum nur? War ich sein Feind? Es blieb mir unerklärlich.
Wie die Sache ausging, ist unerheblich. Erheblicher für das Verständnis der Geschichte erscheint mir heute, dass ich damals ein sehr guter Schüler war, dem das Lernen zufiel. Er dagegen hatte sich für einen Weg entschieden, auf dem gute Schulnoten eher ein Makel waren. Gute Noten hatten aus dieser Sicht Muttersöhnchen und Spinner. Richtige Kerle machten den Lehrern das Leben schwer, hatten Probleme mit den Hausaufgaben und bei Leistungskontrollen, kannten sich im Leben aus. Und Leben fand auf der Straße statt. Da galt das Gesetz des Stärkeren und nicht das des Klügeren.

Das zweite Erlebnis ist viel jünger. Es ist die Beobachtung, dass die Sprecherin der Pegida-Bewegung in Dresden offensichtlich der Auffassung war, Widerspruch und Gegenrede seien eine Beschneidung ihrer Meinungsfreiheit und deshalb unzulässig. (vgl. Redekritik). Ihre Rede zeigte auch, dass sie irgendwelchen Einsprüchen außer Trotz nichts entgegenzusetzen wusste.

Der dritte Anstoß kam dann aus Gesprächen und Diskussionen der letzten Wochen. Wieder sind die Inhalte nicht relevant. Aber zwei Formulierungen, die symptomatisch sind.
Die erste fiel nach längerem Disput: „Pass auf! Du hast deine Meinung und ich habe meine. Das wird auch so bleiben.“
Die zweite stammt aus einem lockeren Gespräch und wir sogar noch deutlicher: „Ich weiß, meine Meinung ist ein Vorurteil, aber ich denke nun mal so und dabei bleibe ich.“
Bei beiden Bemerkungen war die Absicht, den Disput zu beenden und künftig zu vermeiden.
Warum eigentlich? Konnten doch die, von denen sie kamen sonst stundenlang über alles Mögliche reden.

Meine beste Erklärung lautet: Alle drei Gegenspieler befürchteten, einem Kampf der Argumente nicht gewachsen zu sein. Deshalb vermieden sie ihn oder erklärten ihn für nicht relevant.
Möglicherweise liegt hier ein Schlüssel für das Aneinander-vorbei-Reden von „Volk“ und „Politik“, man könnte auch sagen von „Stammtisch“ und „Intellektuellen“. „Volk“ und „Stammtisch“ benutzen Sprache hauptsächlich zur Selbstvergewisserung und zur Übermittlung von Fakten wie „Deutschland grenzt an x Staaten“, zur Beantwortung von Quizfragen à la „Wer wird Millionär?“
Den Diskurs im komplexen und unscharfen Feld der menschlichen Verhältnisse sind nur wenige gewöhnt. Die erkenntnisschaffende Kraft des Streites ist aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt. Wir haben verlernt zu streiten. Streiten ist etwas anderes als Verhandeln und Kompromissfindung. Und wir haben aus den Augen verloren, dass eine Diskussion nur dann fruchtbar sein kann, wenn beide Seiten bereit sind, ihre Meinung im Lichte der Argumente zu revidieren.
Eine Diskussion, die geführt wird, während man weiß, dass man unter allen Umständen bei seinem Standpunkt bleiben wird, ist im Grunde keine. Talkshows im Fernsehen sind keine Diskussionen, geben aber für viele das Modell vor.

Was also tun?
1. Wir müssen vorleben und lehren, dass verhandeln der richtige Weg ist für den Ausgleich von Interessen, streiten dagegen der richtige Weg, um die Wirklichkeit besser zu verstehen.
2. Wir müssen lehren und vorleben, dass Meinungen nicht sämtlich gleichwertig sind und unwidersprochen bleiben müssen. Und dass es
3. ehrenwert ist, seine Meinung zu ändern, wenn Argumente es fordern.

Dann klappt‘s vielleicht mit der direkten Demokratie

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren


21. Januar 2015, 20:13

Pflichtlektüre "LTI"

Von Klemperer wäre in meiner Redekritik noch viel mehr sinnvoll gewesen, hätte dort aber den Rahmen gesprengt. Deshalb hier nur ein ergänzendes Zitat.

"Die (Weimarer) Republik gab Wort und Schrift geradezu selbstmörderisch frei; die Nationalsozialisten spotteten offen, sie nähmen nur die von der Verfassung gewährten Rechte für sich in Anspruch, wenn sie in ihren Büchern und Zeitungen den Staat in all seinen Einrichtungen und leitenden Gedanken mit allen Mitteln der Satire und der eifernden Predigt zügellos angriffen. Auf den Gebieten der Kunst und Wissenschaft, der Ästhetik und der Philosophie gab es keinerlei Beschränkung. Niemand war an ein bestimmtes Dogma des Sittlichen oder des Schönen gebunden, jeder konnte frei wählen.​"
(LTI. Leipzig 1982, S.​26)

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren


22. August 2014, 07:15

Die spinnen, die Spin-Doctors!

Der Wahlkampf zum Sächsischen Landtag ist ungefähr so aufregend wie ein Schneckenrennen. Und auch so vielsagend. Inhaltliche Aussagen, wofür eine Kandidat und seine Partei stehen, früher schon vom Aussterben bedroht, sind verschwunden. Nicht einmal als Slogan sind sie noch anzutreffen, dieser Schrumpfform der Aussage.
Nur die NPD hat den Schuss nicht gehört und plakatiert fleißig weiter ihre schwer erträglichen Losungen. Aber immerhin weiß man, wen man vor sich hat.
Alle anderen Parteien haben auf Berater gehört und die wiederum haben offen-sichtlich vom Mere-Exposure-Effekt erfahren, den Psychologen vor knapp fünfzig Jahren zum ersten Male beschrieben haben. Dieser Effekt besteht darin, dass uns jemand oder etwas allein schon dadurch sympathisch wird, dass wir ihn oder sie oder es öfters sehen. Das gilt sogar für chinesische Schriftzeichen.

"Geil!​", mögen die Berater gedacht haben, "Jetzt haben wir's!​" Und sie rieten ihren Klienten, nicht mühselig irgendwelche Kernaussagen zu schmieden, wo doch ein grinsendes Gesicht genügt. Außerdem: Eine inhaltliche Position kann angegriffen werden, ein Gesicht nicht. Also hängen nun überall die Porträts der Kandidaten mit dem Namen groß darunter. Darunter lassen kühne Kandidaten noch einen Alibi-Halbsatz setzen. In kleinen Lettern und mit dem Tiefgang einer Gummiente. Gesicht zeigt man nur im wörtlichen Sinne.
"Dagegen kann sich keiner wehren", haben die Berater den Parteien versichert und die sind gern darauf eingestiegen.
Wieso Herr Tillich – für alle Nichtsachsen: "Unser Ministerpräsident" in Dresden – sich von dieser Taktik auch noch etwas verspricht, bleibt eines der Mysterien seiner Staatskanzlei.

Bei mir zeitigt die Kampagne tatsächlich Wirkung. Die Sachsen sind mir heute im Durchschnitt sympathischer als vor sechs Wochen. Ich würde am liebsten alle wählen. Geht leider nicht.
Vielleicht wähle ich dann doch die FDP. Die zeigt nämlich nicht nur Gesichter, sondern glänzt mit dynamischen position statements. "Sachsen ist nicht Berlin", zum Beispiel. Na, wenn das kein Grund ist, die Liberalen zu wählen .​.​.
Oder das Großplakat mit junger Frau, das Victory-Zeichen machend. Darunter steht der Satz: "Verliebt in Sachsen". Ich denke jedes Mal an "Schlaflos in Seattle".
Ist aber nicht die junge Meg Ryan, ist nur die alte Tante FDP, die eigentlich sagen wollte: "In Sachsen verliebt". Was auch schief ist, aber wenigstens fast eindeutig.

Das zeigt uns doch, welche Tücken selbst Halbsätze haben. Dann doch lieber auf den Mere-Exposure-Effekt bauen. Denn für den ist nicht einmal Grinsen nötig. Keine Angst, dass spricht sich unter den Beratern auch noch rum. Wenn uns die ersten bärbeißigen Gesichter vom Laternenpfahl herunter unwirsch angucken, dann werden wir wissen: Es ist so weit.

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren


28. Juli 2014, 19:50

Feel-Good-Philosophy für Zugfahrer

Wenn ich als Reisender Glück habe, starte ich an einem Bahnhof, in dem es eine Buchhandlung gibt oder wenigstens einen Zeitungskiosk. In diesen Quellbrunnen der Reiselektüre mit ihren Regalen der Entdeckungen fische ich zwischen "Playboy", "Geo Epoche" und "Landlust" nach nie gelesenen Zeitschriften.
Am liebsten angle ich Titel heraus, die sich irgendwie ungebärdig benehmen. So etwas wie "Tumult – Vierteljahresschrift für Konsensstörung" oder – wie letzthin – das "Philosophie Magazin". Beschwingt von der Freude über Leute, die eigenen Gedanken nachgehen und sie auch noch mit Trara an eine kleine Leserschaft herantragen, steige ich in meinen Zug und fahre in den Tag.

Minutenlang betrachte ich erwartungsfroh das Cover des "Philosophie-Magazins". Das Morgenlicht allerdings tröpfelt erste Zweifel in mein Gemüt. Die Zeitschrift wirkt weniger ungebärdig als trendy.
Der Trend, den sie bedient lautet: „Ich bin anders, weil ich denke!“
Der Individualist von heute braucht ja Unterstützung, um durch eine winzige Abwandlung der Interpunktion seinem Ego Tiefe einzuschreiben. Aus dem banalen "Ich denke, ich bin anders.", was ja jeder irgendwie denkt, wird das begründende "Ich denke. Ich bin anders."

Ich meinerseits lasse mir von solchen Eindrücken nicht bange machen, hole tief Luft und schlage das Heft auf. ... Und hätte besser noch etwas gewartet, denn das Niveau der Gebrauchsfreude liegt deutlich unter dem der Vorfreude, was nur eine gewundene Formulierung für Enttäuschung ist.
Das Heft enthält das jeweils Versprochene nur in geringen Dosen und leicht verdaulich für die ambitionierte Führungskraft von heute. Akademische Titel und Funktionen der Autoren (-Innen eingeschlossen) werden ebenso gerne bemüht wie preisgeschmückte Lebensläufe – vermutlich als Nachweis der Seriosität und Tiefsinnigkeit der Artikel.
Die ihrerseits lösen die Versprechen nicht ein. Die flotte Schreibe ist wichtiger als die Stringenz der Argumentation.

Beispiel gefällig?
Bei der Frage: "Kann man sich auf den Tod vorbereiten?", läuft die Antwort auf den Satz hinaus, man solle "mit dem Tod tanzen, statt in den Tod".
Das ist Flucht in die Metapher, wo es nicht nötig wäre, nur um der Frage doch noch aus dem Weg zu gehen. Dabei rückte man die doch ins Blatt um zu zeigen, dass man keine Furcht vor großen Fragen hat. Aber das ist eine Mutmaßung.

Keine Mutmaßung ist, was im Impressum steht: „Das Philosophie Magazin ist erhältlich im Bahnhofs- und Flughafenhandel in Deutschland.“
Ja, dann!

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren

<< Zurück Seite 2 von 11