Wolfgang Melzer

(Rednerladen)

Aus meinen Sudelbüchern
Beobachtungen, Betrachtungen, Einfälle, wie sie gerade anfallen.


31. Mai 2014, 08:58

Aus einer Geschichte wird Geschichte

Dass „history“ wenig mehr ist als eine weiter gereichte „story“, bei der jeder auf die Verlässlichkeit des Zeugen/Erzählenden und dessen guten Willen angewiesen ist, wurde mir in Philadelphia vor Augen geführt.
Der Zufall führte uns nämlich vor das Haus der Betsy Ross, einer Polsternäherin im 18. Jahrhundert, von der die Legende berichtet, sie habe von George Washington und zwei anderen Politikern den Nähauftrag für das erste Sternenbanner der Vereinigten Staaten bekommen, und auf ihre Anregung hin seien statt der sechszackigen Sterne, wie auf der Skizze, die Washington ihr gab, die fünfzackigen aufgenäht worden.
Erhebenderes ist über Betsy nicht bekannt, außer vielleicht, dass sie in jungen Jahren mit ihrem späteren Ehemann durchgebrannt war.

Jedenfalls wurde die Geschichte in der Ross-Familie so erzählt und so schaffte sie es in die Schulbücher der USA. Heute findet man sie dort nicht mehr, weil es inzwischen erhebliche Zweifel an dieser Version gibt. Trotzdem stand und steht das Haus, in dem Betsy die Fahne nähte im Reiseführer und bei Klassenfahrten amerikanischer Schüler auf dem Reiseplan. Im Pulk wandern sie durch das Haus und betrachten die Devotionalien einer Näherin. Unter anderem eine Brille, von der sie erfahren, dass Betsy sie trug, als ihre Sehkraft nachließ.

Im Ergebnis kennen fast alle US-Amerikaner Betsy Ross als Teil der Geschichte. Mancher wird mit den Augen zwinkern, wenn er die Story erzählt und nicht vergessen zu erwähnen, dass es sich dabei um eine Legende handelt. Viele werden sie jedoch für bare Münze nehmen, einfach weil eine Story sich gut merken lässt und weil diese Story so schön patriotisch ist, weil sie gut in das Gesamtbild passt, indem sie Symbolisches mit human interest verbindet. Und schließlich, weil eine erfundene Geschichte besser ist als keine.
Längst hat es das Anwesen zum Wallfahrtsort gebracht und zum begehbaren Beweis, dass Legenden Teil der Historie werden können so gut wie Fakten.

Natürlich gibt es auch andere Stimmen, aber wer wird sich von denen eine gute Story kaputt machen lassen.

Redakteur

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30. Mai 2014, 08:04

Die Amerikaner und die Ursprache

Der Amerikaner passt sich sprachlich nicht an und womöglich ist dies seine große Stärke in der Globalisierung.

Der alte Mann in Harpers Ferry, von dem ich schon berichtete, erzählte, er habe zehn Jahre bei der Botschaft gearbeitet, erst in Bonn, dann in Berlin. Außer ein paar Brocken wie „Tschüss!​“ oder „Ein Bier, bitte!​“ habe er in all den Jahren nicht Deutsch gelernt. Um ihn herum hätten alle englisch gesprochen, auch die Deutschen.

Amerikanisches Englisch scheint für den Amerikaner so etwas wie die Natursprache zu sein; und die wird nicht verwässert. Das tut man nicht.

So fragte mich der Koch in einem Diner, ob ich mein Sandwich mit „Männess“ haben wollte. Das Wort hatte ich noch nie gehört, entsprechend muss mein Gesicht ausgesehen haben: „What?​“
„Männess“, wiederholte er. Dann zeigte er mir eine angegilbte Plastikflasche und sagte zum dritten Male „Männess“. Jetzt wusste ich zwar immer noch nicht, worum es sich dabei handelte, weil der Koch aber offensichtlich an die Grenzen des Sag- und Erklärbaren gegangen war, sagte ich gottergeben: „Yes.​“
Während der Typ „kochte“, hatte ich Zeit, Klänge zu analysieren und meine Gedanken zu ordnen. Irgendwann teilte mir mein Unbewusstes mit, was der Mann gemeint haben könnte: Mayonnaise!
Englisch: Meijeneis. Für ihn war aber die amerikanische(?​) Aussprache die einzig denkbare gewesen.

Das gilt in allen Bereichen.
In Deutschland verfiele vermutlich niemand darauf, den Namen „Larry“ wie ein deutsches Wort auszusprechen, also mit „a“ und „ü“ mit Betonung auf dem „a“. Wir sagen selbstverständlich „Lerri“ oder „Lärri“. (Im Zweifelsfall schreiben wir dann sogar so, was die vielen „Maiks“ beweisen, denen man heute begegnen kann.​)
Anders in den USA: Stellte ich mich vor mit den Worten: „Hi, I’m Wolfgang. Nice to meet You.​“, dann stutzte mein Gegenüber, lächelte kurz darauf und rief: „Ah, Wolfgäng! Where do you come from? …“

Auf diese Weise haben die Amerikaner ihre Dominanz errungen. Sie haben ihre Sprache zur Sprache der Völker gemacht.
Denn wie die Dinge nun einmal liegen, heißen sie so, wie die Amerikaner sie benennen.

Redakteur

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08. Mai 2014, 02:43

Kopf und Bauch und die englische Sprache

Dass Kopf und Bauch nicht immer dasselbe meinen, ist ein Gemeinplatz. Hin und wieder überrascht mich aber doch, wohin dies führt. Heute Mittag sah ich aus meinem Fenster zu, wie ein Amerikaner sein Auto ausparkte. Er machte das so umständlich, als löse er eine Schachaufgabe: Raus in sechs Zügen. Innerlich stellte ich fest: Der kann echt nicht Auto fahren und sein Helfer kann nicht einweisen. Während ich mich abwende, sehe ich den Helfer die Straße hinunter gehen, und höre doch aus der Tiefe meines Unbewussten: Aber die können Englisch, und besser als du!
Faktisch hat mein Unbewusstes natürlich Recht, aber wie soll man sich nach solchen Nackenschlägen motivieren, frage ich euch.

Das Leben ging weiter und ich durch Harpers Ferry, entschlossen, all die vielen Läden, in deren Schaufenstern das Schild OPEN stand, von innen zu sehen. Das klappte zwar, allerdings nicht ganz so, wie ich es erwartet und erhofft hatte. Viele Läden in Harpers Ferry sind gar keine. Es handelt sich um kleine Museen, die zeigen, wie die Läden Mitte des 19. Jahrhunderts ausgesehen haben. Strohhüte, einfach genähte Hemden, Schuhe vom Einheitsleisten, Stoffballen, alles nur zum Gucken. Bei den Schuhen hat mich das nicht weiter gestört, dass aber auch die Pralinen und Petit fours im Schaufenster aus Pappmaché oder bemaltem Gips bestanden, hat mich dann doch erbittert.

Der Buchladen – und das war der Trick – der Buchladen war echt. Ich stand zwischen den Regalen, in denen alles versammelt ist, was jemals über den Bürgerkrieg, John Brown und die Gegend hier erschienen ist, da wurde ein alter Mann mit großem Hallo begrüßt. Er erzählte, er habe sich von zu Hause aus dem Staub gemacht, weil die Schwester seiner Frau zu Besuch gekommen sei. Die Buchhändlerin fragte, vor wem er auf der Flucht sei, seiner Frau oder ihrer Schwester. „Vor beiden“, lautete die Antwort. Wohin die Flucht gehen solle, war die nächste Frage. „Hier her.​“

Er blieb und wir kamen ins Gespräch. Dabei half, dass mein Englisch besser war als sein Deutsch.

Redakteur

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07. Mai 2014, 02:41

Almost heaven, West Virginia

Ich war fünfzehn, wenn ich mich recht erinnere, da gerieten die Noten von „John Browns body“ in meine Hände. Das Beste daran: Nicht nur die Melodie war abgedruckt, die Gitarrenakkorde standen auch da. Fortan war das Lied eine meiner Glanznummern an Lagerfeuern und in Party-Runden, auch und womöglich vor allem, weil beim Refrain alle mitsingen konnten. Glory, glory, hallelujah! Glory, glory, hallelujah! … His truth is marching on.
Der oder jener kennt vielleicht auch die Zeile: He captured Harpers Ferry with his nineteen men so true …

Jetzt, fast fünzig Jahre später sitze ich im Aufenthaltsraum einer B&B-Unterkunft in Westvirginia. In eben jenem Harpers Ferry, das der besungene John Brown in der Mitte des 19. Jahrhunderts überfiel, um Waffen zu erbeuten, damit er seinen Traum von einem Land der Freiheit für die damaligen Negersklaven verteidigen könnte. Folgerichtig führte mich mein erster Museumsbesuch allhier in das Wax Museum, wo John Brown mehrfach lebensgroß in Wachs und wichtigen Stationen seines Lebens zu sehen ist. Auf den Stufen zum Galgen bewegt die Figur sogar den Kopf, damit jedem klar wird, dass his soul will marching on.
Aber das ist noch nicht alles. Hier in den Blue Rigde Mountains fließt auch der Shenandoah in den Potomac und dies in einem Tal, das von frühlingsgrünen Bergen umstanden wird. So viel Frühling habe ich in Amerika noch nicht gesehen. Ich kam aus dem Knipsen gar nicht heraus. Almost heaven!

Provinz ist diese Touristenhochburg dennoch. 18:​30 Uhr war mindestens die Hälfte der Kneipen schon CLOSED, in der anderen, in der ich noch einen vegetarischen Burger aß, schlief der Kellner auch schon. Er servierte mir das gewünschte Rootbier in einer Flasche, auf der der Kronenkorken so fest saß wie weiland Winnetou im Sattel. Das Paar aus Florida am Nebentisch bemerkte meine Verlegenheit, die Frau schnappte sich meine Flasche, verschwand in Richtung Kellner und kehrte mit geöffneter Flasche zu mir zurück. Ja, nett sind sie alle, nur manche eben auch vergesslich.

Redakteur

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05. Mai 2014, 18:52

Karl-Marx-Stadt in Pennsylvania

Im pennsylvanischen Kohlerevier liegt eingeschlossen von imposanten Bergen eine Kleinstadt mit knapp 5000 Einwohnern. Sie nennt sich „Jim Thorpe“, nach einem berühmten Footballspieler, der bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm quasi aus dem Stand die Goldmedaillen im Fünfkampf und im Zehnkampf gewann. Zeit seines Lebens hatte er mit zwei Nestern namens Mauch Chunk und East Mauch Chunk in den pennsylvanischen Bergen so viel gemeinsam wie der Kölner Dom und eine trockene Kartoffel. Trotzdem beschlossen die Stadtväter östlich und westlich des Lehigh River, ihre Gemeinden zu vereinen und sie mit dem Namen Jim Thorpe zu schmücken.

Das war 1953, in dem Jahr, in dem der Supersportler starb. Im selben Jahr wurde auf der anderen Seite des Atlantiks Chemnitz umbenannt in Karl-Marx-Stadt.

Beide Wiedertaufen hatten ideologische Gründe. Versprachen sich die DDR-Oberen eine gewisse Popularisierung sozialistischer Ideen durch die Namensgebung, so hofften die Honoratioren im Lehigh-Tal, den Tourismus in ihrer Stadt zu beflügeln. Auch dies folgt einer Ideologie, nämlich der, dass es darauf ankommt, eine Marktnische zu definieren, indem man einem gewöhnlichen Kind einen außergewöhnlichen Namen gibt und dann auf dessen segensreiche Wirkung zu hofft.
In den vorliegenden Fällen eines so künstlich wie das andere. Beides setzt auf den Platoniker in uns allen, der da glaubt, ein Name sei mehr als Schall und Rauch.

Reisende sollten Jim Thorpe im Sommerhalbjahr und an einem Wochenende besuchen. Unter der Woche schläft die Stadt und auch auf dem Broadway bleiben Galerien und Geschäfte geschlossen. Und – Wie sagte die Frau in der Touristen-Info? – am Wochenende wird auch das Gefängnis geöffnet. Das ist doch beruhigend.

Redakteur

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04. April 2014, 13:56

Der Sinn selbst ist sinnlos

„Das Leben ist eine gefährliche Krankheit, sie wird sexuell übertragen und endet immer tödlich“, habe ich mal gelesen. Stimmt, finde ich. Ich bin sechzig, ich weiß sowas. Wollen Sie ein Bild für meine Seele? Sie ist ein Eimer voller Nägel. Schütteln Sie mal einen Eimer voller Nägel, Ihre Ohren werden verstehen, was ich meine. Oder greifen Sie im Dunkeln mit der bloßen Hand in den Eimer. Das gibt Blut, kann ich Ihnen sagen. Warum ich das schreibe? Weil es mir einfällt. Man kann nichts schreiben, was einem nicht eingefallen ist. Oder anders: Alles, was man schreibt, ist einem eingefallen. Stimmt auch, finde ich. Ich bin selbst das beste Beispiel dafür. Ich schreibe nicht viel. Wozu? Wenn Du stirbst, verschwindet auch, was Du geschrieben hast. Die anderen fangen immer von vorne an, das ist ein Naturgesetz. Womit schon das Nächste bewiesen wäre: Dass der Geist nicht überlebt. Das ist so eine Idee aus dem Wunschdenken heraus. Wir sind ja alle Meister im Wunschdenken. Nur, manchmal wissen wir nicht, was wir wünschen sollen. Das ist dann beschissen. Das sind verlorene Tage. Schlimm, sage ich Dir.

Redakteur

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29. Januar 2014, 10:51

Einladung zum Selbstversuch

Dieser Tage bekam ich eine E-Mail mit der Aufforderung, auf eine gewisse Website zu gehen und dort eine Petition zu unterzeichnen. Ich kannte den Absender, der Link war dabei, also hüpfte ich auf die Seite von Campact e.​V. Dort läuft eine Kampagne gegen das geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA.
Welche Argumente dagegen vorgebracht werden, kann jeder selber auf der Seite nachlesen, darum soll es hier nicht gehen. Im Kern wenden sie sich dagegen, laxere Bestimmungen aus der Ernährungswirtschaft der USA durch die Hintertür nach Europa einzuführen.

Aber nun zum Selbstversuch:
1. Schritt
Lesen Sie mindestens einen Artikel, in dem die Praktiken der NSA ausführlich beschrieben werden. Machen Sie sich klar, was diese Praktiken bedeuten!

2. Schritt
Stellen Sie sich so lebhaft wie möglich vor, Sie wollten in den nächsten vier Wochen in die USA einreisen!

3. Schritt
Rufen Sie das Formular zur Stimmabgabe gegen TTIP unter www.​campact.​de/​ttip/​appell/​teilnehmen/ auf und tragen Sie ein:
Anrede, Titel
Vorname, Name
Land, PLZ, Ort
E-Mail-Adresse
Klicken Sie auf den Button „Unterzeichnen“!

Was empfinden Sie dabei?
Wie fühlt sich das an?
Fragen Sie sich, was damit passiert?
Haben Sie das Formular abgeschickt?
Egal, wie Ihre Antworten ausgefallen sind: Reden Sie mit jemandem darüber!

Redakteur

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27. Januar 2014, 22:36

Empört Euch! Oder: Strategie 999+

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.
- Beim Datenfischen der NSA und anderer Geheimdienste?
- Bei der Inhaltslosigkeit eines Wahlkampfes, in dem sich die Kandidaten beschimpfen, statt über Konzepte zu streiten? Der Kampf um die Stimmen ist zum Kampf gegen andere Politiker geschrumpft. Direkt und schmutzig und geistlos.
Und die Bürger gucken sich an – und wählen aus Protest das Nicht-Wählen. Geht es eigentlich noch weinerlicher?
- Bei Unternehmen, deren einziger Zweck der Verkauf von Daten ist?

Die Politik gibt sich forsch machtlos oder ahnungslos, weil sie
a) es nicht anders weiß oder
b) lieber ein eingelulltes Volk hat als ein aufmüpfiges.
Zutreffendes bitte ankreuzen!

So weit der leichte Teil: Meckern.
Jetzt der schwierige: Was tun?
Da ist meine Antwort bedauerlicherweise ein klares „Ich habe keine Ahnung.​“

Aber immerhin. Viele meckern nicht einmal mehr. Nicht mal folgenlos am Stammtisch oder bei Geburtstagsfeiern in der Familie. Früher ging man bei Volkszählungen protestierend auf die Straße, heute geht man zum Kühlschrank um ein Bier. Und den Namen Snowden kann man eh schon nicht mehr hören.

Mit Facebook ist das Gefühl für Datensicherheit flöten gegangen, geopfert auf dem Altar der Eitelkeit. Wer viele Freunde haben will, der muss, so will es die Regel aus der Steinzeit, auch von sich etwas preisgeben. Dass man ausgespäht werden kann, erscheint dann schnell als Preis für sozialen Erfolg. Bei XING erhielt ich jetzt eine Kontaktanfrage. Jemand wollte mich zu seinen Kontakten hinzufügen. Sie, es war eine Frau, hatte bereits sagenhafte 999+ Kontakte.

Bevor ihr lacht, haltet ein wenig inne! Sie könnte eine Vorkämpferin sein. Wir wissen, dass wir aus den Netzwerken nie wieder verschwinden, wenn wir uns erst einmal darauf eingelassen haben. Da kann es ein guter Gedanke sein, durch eine Unzahl wahlloser Kontakte Daten zu erzeugen, die keine Information mehr enthalten.
Blöd ist bloß, dass selbst im Internet das pragmatische Axiom der Kommunikation gilt, dass man nicht nicht kommunizieren kann. Ein pfiffiger Algorithmus wird herausfinden, dass die User mit 999+ Kontakten die gefährlichen sind, weil sie die Arbeit der Dienste behindern.
Wie gesagt: Ich habe keine Ahnung.

Redakteur

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14. November 2013, 15:56

Dicke Polemik – dünne Argumentation

Um in meinem Meinungshaushalt einen Ausgleich zu den Mainstream-Medien zu schaffen, las ich neulich das Greenpeace-Magazin. Dort würde ich mehr und bessere Informationen über die Kehrseite der Profitmedaille bekommen, dachte ich.
Eine einspaltige Rubrik „Lügendetektor“ setzte sich miteiner Titelgeschichte des „Spiegel“ zum „Luxus Strom“ auseinander. (GreenpeaceMagazin 6.​13). Was ich dort fand, reizte meine Feder, wie der geneigte Leser an diesen Zeilen erkennen kann.

Die Rubrik macht auf mit der These:
"Der Spiegel weiß es mal wieder besser: Nur das 'Quotenmodell' könne die Energiewende retten.​"
Mit dem letzten Satz sagt das Magazin, der SPIEGEL vertrete zwei Thesen.
1. Die Energiewende läuft falsch und steht kurz davor zu misslingen.
2. Nur das Quotenmodell kann die Gefahr abwenden.
Nehmen wir an, das stimmt so, dann muss man, um den SPIEGEL zu widerlegen, nachweisen, dass mindestens eine dieser Thesen falsch ist.

Das sieht der Autor auch und versucht beides. Aus Platzgründen betrachte ich hier nur die Argumentation zur ersten These.

Der Artikel fasst zunächst den Spiegel-Text zusammen:
"Die Illustration mit dem goldenen Kabel war schon das Beste an der Titelgeschichte, mit der der 'Spiegel' kürzlich erklären wollte, warum die Energiewende 'missraten' sei und Strom 'immer teurer' werde. Die überforderte Politik sei eingekeilt zwischen den Stromkonzernen und 'einer Lobby grünen Stroms, die sich als Weltretter tarnt', so das Blatt. Der milliardenschwere Ökostromausbau richte 'Kollateralschäden' im System an, Deutschlands Emissionen seien 2012 gar gestiegen, weil bei Flaute und Dunkelheit 'alte Schweröl- und Kohlekraftwerke ran müssen, um die Lücke zu schließen'.

Rhetorik-Eleven aufgemerkt: Dies ist ein musterhafter Fall tendenziösen Berichtens. Deutlich wird das in der häufigen Verwendung der wörtlichen Rede innerhalb einer indirekten Rede. Sprachlich reicht es nämlich aus zu sagen: X sei der Meinung, Y richte Kollateralschäden an. Die Anführungszeichen sind überflüssig. Es sei denn, man will nicht im ersten Schritt berichten, um dann im zweiten zu argumentieren, sondern will das Berichtete sogleich mit Hohn überziehen. Eine präzise Argumentation erscheint dann schnell als Krümelkackerei.
Entsprechend wenig Mühe verwendet der Artikel dann auch darauf.

Als Argument wird geliefert:
"Naja – der CO2-Ausstoß stieg ja, weil viele Kohlemeiler einfach durchliefen und massenhaft Strom exportierten (siehe S. 52). Aber sei’s drum.​"

ARNE NAESs nannte derartige Beiträge vor Jahren „tendenziöses Drumherumgerede“.
Zur Erinnerung: Ein Argument stützt eine These, wenn es
a) haltbarer (glaubhafter, mit höherer Wahrscheinlichkeit gültig) als die These ist, sowie
b) für die These relevant ist.

Die Unzulänglichkeiten des zitierten Argumentes werden sichtbar, wenn man sich ein paar Fragen stellt.

1. Wie fiele der CO2-Anstieg aus, wenn man den Stromexport heraus rechnete?
(Der obige Satz suggeriert, die Kohlenmeiler liefen durch, UM den Strom zu exportieren. Im Artikel ab Seite 52 wird dagegen erklärt, dass ein Grund für das Durchlaufen technische Eigenschaften der Kohlekraftwerke sind. Dann aber ist der Export ein Nebeneffekt.​)

2. Importiert Deutschland auch Strom in relevanter Größenordnung?

3. Was ist mit der Differenz zwischen erzeugtem und ausgeliefertem Strom?
(Stichwort „Netzausbau“)

4. In welchem Sinne stützt das Argument die Auffassung, die Energiewende sei nicht “missraten“? Wäre alles ok, wenn die Konzerne keinen Strom exportierten? Wäre der Strom dann billiger? Oder wenigstens grüner?

Mann! Ist das anstrengend!
Man könnte polemisch werden.

Redakteur

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26. September 2013, 11:17

Gute Mine für ein böses Spiel

Es ist immer dasselbe: Mit dem Nachdenken beginnt das Elend. Mir ist das jetzt erst wieder passiert. Und bloß, weil Holger sich darüber aufregte, dass sich kaum jemand aufregte. Über den NSA-Skandal nämlich. Bürger, die einmal auf die Straße gegangen waren, um eine Volkszählung zu verhindern, ließen sich von dem abwiegelnden Gerede von „Sicherheitsinteressen“, „nur Metadaten“ und „gesetzlich geregelt“ einlullen. Oder ist es die Gleichgültigkeit gegenüber Bedrohungen, die aus Gewöhnung erwächst?

Längst werden wir als Datensätze gehandelt. Längst werden mit Data-Mining unsere verborgenen Verhaltensmuster aufgedeckt. Aus Bequemlichkeit ertragen wir es, wenn Amazon unsere Einkaufsgeschichte auswertet und sie mit anderen Kunden in Beziehung setzt, um nur einen Akteur zu nennen. Viele tragen aus Eitelkeit ihr Verhalten dorthin, wo es leicht auszuwerten ist und ausgewertet wird. Fragen sich die Leute eigentlich gar nicht, wie Facebook Geld verdient?
Jeder kann kostenlos up- und downloaden, was ihm gefällt. Kaum einer fragt sich offenbar, wieso das ein Geschäft ist. Ein gigantisches noch dazu.
Dabei liegt es doch auf der Hand: Facebook war von Anfang an als Maschine zur Gewinnung von Daten geplant. Daten sind die Ware, mit der Facebook und Co. handeln. So kommt Geld herein.

Dass Facebook Daten sammelt und auswertet, wurde mir dieser Tage erneut vor Augen geführt. Ich wurde auf meiner Seite (Fragt mich nicht, warum ich eine habe!​) von Facebook gefragt, wo ich wohnen würde. Als Vorschläge wurden die Orte gleich mit geliefert, in denen einige meiner „Freunde“ wohnen. Facebook war offensichtlich darauf aus, Mehrdeutigkeiten zu beseitigen. Anders gesagt, man will die Qualität seiner Daten verbessern. „Gute Daten = zufriedene Kunden“ dürfte die Gleichung lauten. Ob der Kunde nun eine Versicherung ist oder ein Geheimdienst, das ist Facebook und Konsorten vermutlich schnuppe.

Uns Usern sollte das nicht schnuppe sein.
Denkt daran: Datum ist alles, was Ihr eingebt oder anklickt. Richtig verkocht, kann man Muster daraus ableiten. Das passiert inzwischen in jedem Supermarkt. Statistische Analysen von Kassenbons zum Beispiel werden dafür genutzt, die Waren so anzuordnen, dass allein dadurch der Absatz gesteigert wird.
Dagegen ist wenig zu machen, solange wir einkaufen müssen. Aber tragt Eure Daten nicht noch freiwillig zu den Hökern!
Und regt Euch mal wieder auf!

PS 1: Kurz nachdem der oben stehende Text eingestellt war, fiel mir ein Essay von H.​M. Enzensberger im SPIEGEL (32/​2013) in die Hände, in dem er dieselben Überlegungen anstellt.

PS 2: Inzwischen lese ich auch von einer Studie im Auftrag von vier "Verlagsriesen", bei der 500 Fragen an 30 000 Menschen gestellt wurden. Beantwortet werden Fragen wie: "Trinkt die junge Frau im Werbespot für einen Bausparvertrag am besten Latte macchiato?​" (dpa / Sächs. Zeitung, 26.​9.​2013) Im selben Artikel findet sich der Satz: " 'Der Konsument, der Mensch steht im Mittelpunkt', sagte Philipp Welte von Burda bei der Präsentation.​"
Na, dann wissen wir ja jetzt, was der Mensch ist.

Redakteur

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