Aus meinen Sudelbüchern
Beobachtungen, Betrachtungen, Einfälle, wie sie gerade anfallen.
10.10.2025
Vom Umdenken
Das Projekt der Aufklärung, die Erziehung des Menschengeschlechts ist gescheitert. Nathan der Weise und seine Ringparabel wirken heute auf uns wie kindliches Beharren auf einer kindischen Geschichte. Zu Recht wird in der aktuellen Dresdner Aufführung des Stückes das Erzählen der Ringparabel überschrien und überdonnert, man hört sie nicht. Sie ist zerfetzt, zerstört, unglaubhaft geworden angesichts der Zeitläufte, mit ihr kann man niemandem mehr kommen. Und doch höre ich immer wieder, jetzt gerade müssten wir, die Vernünftigen, das Banner der Aufklärung hoch halten, wollten wir nicht in die Wildheit zurückfallen.
Liebe Leute, genau darum bemühe ich mich seit gut 50 Jahren, und was ist daraus geworden!? Abgesehen von wenigen Monaten in den Jahren 1989/90, in denen es so aussah, als könnte es gelingen, etwas Neues zu bauen, lebte ich immer nur von der Hoffnung. Sogar dann noch, als Kohl den Aufbruch im Osten in Richtung saturierte Bundesrepublik lenkte und ihm so den Schwung nahm. Nicht ohne Unterstützung derer, die nur zu gerne glaubten, übers Jahr durch die versprochenen blühenden Landschaften zu wandeln. Gut möglich, dass er uns (Ost-)Deutsche vor Schlimmerem bewahrt hat, wie soll man das wissen.
Seither hat sich viel getan und mein optimistisches Menschenbild, das ja auch ein optimistisches Bild der Geschichte impliziert, begann zu bröckeln. Der Schleier des Zurechtdenkens ist fadenscheinig geworden und die Absurdität unseres Seins wird sichtbar. Ist es Zeit, sich von der Illusion des aufsteigenden Menschengeschlechts zu verabschieden und auch den Glauben an sein Surrogat, nämlich das ständige Wirtschaftswachstum, fahren zu lassen?
„Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ hat sich schon einmal als bloße Losung entpuppt, wird aber in anderer Form immer noch gerne wiederholt. Denn
„Der Mensch erklärt das Gute in sich hinein,
Wenn er die Weltgeschichte liest, weil er
zu feig ist, ihre grause Wahrheit kühn
Sich selber zu gestehen!“
So schreibt es Christian Dietrich Grabbe vor ziemlich genau 200 Jahren in seinem Erstling, der Tragödie Herzog Theodor von Gothland.
Dieser Grabbe blieb erfolglos bis zu seinem elenden Ende mit knapp 35 Jahren. Niemand wollte seine Stücke aufführen, sie passten nicht zu der angesagten Behaglichkeit der Zeit. Zu wild, zu zynisch lautete das Verdikt, man wollte von seiner düsteren Diagnose verschont bleiben. Menschen blenden gerne aus, was zu beunruhigend ist. Sie hoffen lieber, wenn nötig auch blind.
Im selben Stück findet sich auch der folgende Dialog:
GOTHLAND … Arboga, könnt Ihr mir
Die Rechte nennen, die ein König hat?
ARBOGA Ein König hat gar große Rechte, als
Das Recht der Willkür, die Befugnis zur
Gewalt, das Recht des Völkermordes –
GOTHLAND Hat er
Das letztere?
ARBOGA ohne Ironie Zum wenigsten ists von
Den Kön’gen ausgeübt, so lange als
Es Kön‘ge gibt.
GOTHLAND Nur eins sagt an:
Ist Völkermord ein Königsrecht?
ARBOGA Ich glaube es.
GOTHLAND Gottlob, Wir sind ein König!
Kaum zu ertragen. Aber falsch??
Besser ist, „sich waffnen gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden!“
Admin - 09:20:20 | Kommentar hinzufügen